Es war einmal ein reicher Mann und seine schöne, fromme Frau, die lebten glücklich, doch sie hatten keine Kinder. An einem Wintertag, als die Frau unter einem Mandelbaum stand, schälte sie einen Apfel und schnitt sich in den Finger. Als ihr rotes Blut auf den weißen Schnee fiel, seufzte sie und wünschte sich ein Kind, so rot wie Blut und so weiß wie Schnee.
Die Monate vergingen und die Jahreszeiten wechselten. Als der neunte Monat kam, gebar sie ein Kind, so weiß wie Schnee und so rot wie Blut. Ihre Freude war so groß, dass sie starb, und ihr Mann begrub sie unter dem Mandelbaum, wie sie es gewünscht hatte. Mit der Zeit heiratete der Mann wieder, und seine zweite Frau gebar ihm eine Tochter namens Marjory.
Die zweite Frau liebte ihre Tochter Marjory, aber sie hasste den kleinen Jungen. Sie wollte, dass ihre Tochter alles erbt, und sah den Jungen als Hindernis. Eines Tages bot sie dem Jungen einen Apfel aus einer großen, schweren Truhe an, doch als er danach griff, schlug sie den Deckel mit einem fürchterlichen Schlag zu.
In ihrem Schrecken und ihrer Schuld ersann die Frau einen Plan, um ihre Tat zu verbergen. Sie band ein weißes Taschentuch um den Hals des Jungen, um seinen Kopf in Position zu halten, und setzte ihn mit einem Apfel in der Hand auf einen Stuhl neben der Tür. Als die kleine Marjory in die Küche kam, dachte sie, ihr Bruder sei einfach blass und würde ihr nicht antworten.
Im Glauben, sie habe einen tragischen Unfall verursacht, weinte Marjory bitterlich. Ihre Mutter bereitete eine dunkle Brühe zu, um die Wahrheit vor dem Vater zu verbergen. Doch Marjory sammelte die Knochen ihres Bruders in ihrem besten Seidentaschentuch und legte sie in das grüne Gras unter den Mandelbaum. Plötzlich fühlte sich ihr Herz leicht, und sie weinte nicht mehr.
Der Mandelbaum begann zu wanken, und ein Nebel stieg aus seinen Zweigen auf. Aus der Mitte eines brennenden Feuers tauchte ein wunderschöner Vogel auf und schwebte in die Luft, singend ein süßes und eindringliches Lied. Der Vogel flog zum Dach einer Goldschmiede und sang von der Mutter, die ihn ermordet hatte, und der Schwester, die für seine Gebeine sorgte.
Der Goldschmied war so verzaubert von dem Lied, dass er dem Vogel eine schwere Goldkette gab. Der Vogel flog daraufhin zum Dach eines Schusters. Nachdem die Frau des Schusters das Lied gehört hatte, brachte sie ein Paar wunderschöne rote Schuhe als Geschenk heraus. Der Vogel nahm die Kette in eine Kralle und die Schuhe in die andere und flog davon.
Schließlich kam der Vogel zu einer Mühle, wo zwanzig Männer einen Mühlstein bearbeiteten. Er sang sein Lied noch einmal, und die Müller waren so gerührt, dass sie den großen Stein emporhoben. Der Vogel steckte seinen Kopf durch das Loch in der Mitte, trug den Mühlstein wie einen riesigen Kragen und flog zurück zu seinem Vaterhaus.
Zu Hause fühlte der Vater eine seltsame Freude, während die Stiefmutter vor einer wachsenden, unerklärlichen Furcht zitterte. Marjory saß in der Ecke und weinte immer noch um ihren Bruder. Plötzlich setzte sich der Vogel auf das Dach und begann seine eindringliche Melodie zu singen, was den Vater veranlasste, hinauszugehen, um zu sehen, was geschah.
Als der Vater draußen stand, ließ der Vogel die goldene Kette um seinen Hals fallen. Der Vater war erstaunt und rannte hinein, um das schöne Geschenk zu zeigen. Marjory ging dann hinaus in der Hoffnung, den Vogel auch zu sehen, und das magische Geschöpf ließ das Paar rote Schuhe in ihre Hände fallen, worüber sie vor Freude aufsprang.
Die Stiefmutter, getrieben von einer unwiderstehlichen Verzweiflung, eilte ebenfalls nach draußen. Doch gerade als sie durch die Tür trat, ließ der Vogel den schweren Mühlstein fallen, der sie augenblicklich zerschmetterte. Eine Rauch- und Flammenwolke stieg von der Stelle auf, und dann, wie durch Zauberhand, stand der kleine Bruder lebendig da.
Der kleine Bruder nahm seinen Vater und Marjory an die Hand, und sie alle fühlten einen tiefen und beständigen Frieden. Gemeinsam kehrten sie in ihr Haus zurück, setzten sich an den Tisch und teilten eine Mahlzeit in wahrer Glückseligkeit, geschützt durch die Erinnerung an den Mandelbaum, der sie wieder zusammengeführt hatte.








